Trinken bis zum Umfallen

ALKOHOL / Jugendliche betrinken sich heute anders als früher - gefährlicher. db. Am diesjährigen Openair auf dem Gurten hat der Festivalarzt erstmals festgestellt, dass junge Leute «bis zum Abschalten jeglicher Abwehrreflexe» tranken. Dieses Trinkverhalten, das nicht ungefährlich ist, scheint unter Jugendlichen verbreitet zu sein. Fachleute erklären, dass die jungen Leute von heute mengenmässig zwar nicht mehr, dafür aber ganz anders trinken als früher: «Sie suchen den Rausch viel direkter», sagt Ruedi Löffel vom Blauen Kreuz, «exzessives Trinken» sei in.

Der Bund vom 19. August 2000, Front Bern

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«Man sucht heute viel direkter den Rausch»

ALKOHOL / Die Jugendlichen, die sich mit Alkohol berauschen, werden immer jünger. Dies hat sich am diesjährigen Gurtenfestival gezeigt, und es wird sich auch an diesem Wochenende an den vielen Festen zeigen, die landauf, landab gefeiert werden. Anders als früher, so sagen Fachleute, neigen Jugendliche heute dazu, exzessiv zu trinken - manchmal bis zum Ausschalten jeglicher Abwehrreflexe.

Autor: DÖLF BARBEN

«Die Alkoholleichen werden immer jünger»: Diese Aussage machte Bänz Thomann nach dem diesjährigen Gurtenfestival. Seit neun Jahren ist er beim Berner Openair als Festivalarzt im Einsatz. Doch Thomann konnte noch eine andere Beobachtung machen. In Einzelfällen sei dieses Jahr «bis zum Ausschalten jeglicher Abwehrreflexe» getrunken worden. «Das habe ich erstmals erlebt», sagte er gestern, und: «Da wird es gefährlich.»

Was Thomann auf dem Gurten beobachtet hat, stimmt mit den Erkenntnissen überein, die in letzter Zeit generell zum Thema Alkoholkonsum von Jugendlichen gewonnen wurden: «Die Art, wie getrunken wird, hat sich stark verändert», sagt Ruedi Löffel von der Fachstelle für Suchtprävention des Blauen Kreuzes. Es werde zwar insgesamt nicht mehr Alkohol konsumiert als früher, sagt Löffel, aber das «exzessive Saufen», das «kollektive Besäufnis» liege klar im Trend. «Man sucht heute viel direkter den Rausch.»

Dass dieser Rausch offenbar von immer jüngeren Jugendlichen, oft gar von Kindern gesucht wird, scheint ebenso eine Tatsache zu sein: So hat laut Schweizerischer Fachstelle für Alkohol und andere Drogenprobleme die Anzahl der Alkoholräusche von Jugendlichen seit 1986 deutlich zugenommen. Damals gaben erst 6,4 Prozent der 15-jährigen an, in den letzten acht Wochen vor der Befragung mehr als drei Alkoholräusche gehabt zu haben; 1998 waren es bereits 11,5 Prozent. Bei den 13- und vor allem bei den 11-jährigen hielt sich der Anstieg in Grenzen. Wichtig für Löffel ist die Feststellung, dass es immer noch eine grosse Mehrheit der Jugendlichen ist, die nicht oder wenig trinkt.

Mädchen sind im Kommen

Für ihn gibt es aber nebst der Verjüngung noch eine zweite Erkenntnis: «Die Mädchen haben aufgeholt.» Mädchen, von Natur aus eher «bierfeindlich», konnten 1997/98 mit den so genannten Alcopops auf den Geschmack gebracht werden. Obschon die süssen Getränke dem eidgenössischen Alkoholgesetz unterstellt und wegen der höheren Besteuerung für Jugendliche zu teuer wurden, waren sie Wegbereiter für neue Getränke. So hat etwa Rugenbräu erst diesen Sommer den «Mountain Twister» - ein «Crazy Apple Beer» mit zwei Prozent Alkoholgehalt - auf den Markt gebracht. Man nehme an, hiess es bei der Lancierung, «das neue Getränk kommt beim jungen Publikum an, insbesondere bei den Frauen.»

Alkohol, «eine legale Droge»

An solchen Aussagen hat Ruedi Löffel keine Freude: «Die Brauer werden immer unverschämter», sagt er und verweist auf das «Gesamtproblem»: Das Kind werde nicht beim Namen genannt, dabei sei der Alkohol nichts anderes als eine «legale Droge». Aber so lange diese Bezeichnung nicht verwendet werde, ändere sich das kollektive Bewusstsein nicht. Für Löffel steht fest, dass das Alkoholproblem deshalb gar nicht richtig wahrgenommen wird. Wie sonst sei es zu erklären, fragt er, dass sich Jugendliche an Dorffesten vor den Augen ihrer Eltern betrinken könnten, ohne dass diese beunruhigt seien, dass aber die gleichen Eltern in Panik gerieten, wenn sie ihre Kinder beim Kiffen erwischten?

Enttäuscht abgezogen

Doch was kann getan werden, damit die Alkoholleichen nicht noch jünger und noch zahlreicher werden? Bei der Fachstelle des Blauen Kreuzes setzt man auf Information. Die im Sommer gestartete Kampagne «Talk about» («Bund» vom 25. Mai) will den Konsum von Alkohol nicht anprangern oder gar verbieten, angestrebt wird eine «aktive Bewusstseinsbildung».

Dies geschieht etwa mit der Blue Cocktail Bar, an der alkoholfreie Drinks angeboten werden. Letztes Wochenende wurde sie am Badifest in Worb aufgestellt, dieses Wochenende steht sie in Ostermundigen. Nebst positiven hat Ruedi Löffel in Worb auch ernüchternde Erfahrungen gemacht. So seien Jugendliche enttäuscht abgezogen, nachdem sie erfahren hätten, «dass es hier keinen Alk gibt».

An den Ständen «alle im Bild»

Trotzdem: Für Löffel ist ein gutes Angebot an nichtalkoholischen Getränken - «mehr als nur Cola, Orangensaft und Mineralwasser» - wesentlicher Bestandteil eines Jugendschutzkonzeptes an einem Fest. In erster Linie aber müsste das Gesetz ernst genommen werden, sagt er: Also kein Alkohol an Jugendliche unter 16 Jahren. Doch gerade diese Vorschrift werde an Dorf- und Waldfesten, an Grümpelturnieren und Konzerten, an Bier- und Pubfestivals «völlig missachtet», behauptet er.

Hans Hostettler, OK-Chef des Ostermundiger Dorffests, sieht dies etwas anders: «An den Ständen sind alle im Bild.» Besonders «strikte Anweisungen» habe er den Disco-Betreibern erteilt: «Da werden wir extrem schauen.»

«Genau instruiert und eingefuchst» sind die Leute an den Verkaufsständen laut Peter Baumann, Präsident des Chilbi-Vereins, an diesem Wochenende auch in Bümpliz. Aber eben: Bei grossem Andrang seien Ausweiskontrollen nicht mehr möglich, sagt Baumann, «da ist man dann aufs Auge angewiesen».

Jugendliche trinken heute zwar nicht mehr als früher, dafür aber anders - «exzessiver».

«Modedrinks haben es in sich»

db. Zuerst aufgedreht, dann gedämpft, später mit vermindertem Schmerzempfinden und am Ende bewusstlos: So ungefähr lassen sich die Stadien beschreiben, die jemand durchläuft, der sich betrinkt. In einer ersten Phase der Bewusstlosigkeit funktionieren gewisse Schutzreflexe wie etwa das Würgen noch. In einer nächsten Phase aber werden laut Bänz Thomann, Arzt des Gurtenfestivals, selbst diese Schutzreflexe ausgeschaltet. «Dann wird es lebensbedrohlich, dann kann jemand ersticken.»

Gefährliches «Gummibärli»

Ein besonderes Problem stellen für Thomann die neuen Modedrinks dar, wie etwa das ominöse «Gummibärli», eine süsse Mischung aus Red Bull und Wodka. Wenn solche oder andere hochprozentige Getränke in rauhen Mengen zu sich genommen werden, besteht die Gefahr, dass beim Eintreten der Bewusstlosigkeit sich noch sehr viel Alkohol im Magen befindet, der dann noch weiterwirkt.

Bier und auch Wein, die einen geringeren Alkoholgehalt aufweisen, erachtet Thomann als weniger gefährlich. Nur schon vom Volumen her glaube er nicht, dass sich jemand mit Bier allein in Lebensgefahr zu trinken vermöge. «Aber die Modedrinks, die haben es in sich.»

Der Bund vom 19. August 2000, Bern

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