Die Weltwoche 26. August 2004

Die Hicks-Society

Peter Holenstein

Wein oder Schnaps? Egal. Die Schweiz gehört zu den führenden Säufernationen der Welt. (...)
Gemessen an den verheerenden Folgen für die Volksgesundheit, den fatalen Auswirkungen auf alle Bereiche von Familie und Gesellschaft sowie der exorbitanten Belastung für die Volkswirtschaft, welche der Alkoholmissbrauch in der Schweiz nach sich zieht, müsste eigentlich landesweit der Notstand ausgerufen werden. Denn der Konsum der Droge aus der Flasche hat längst das Ausmass einer Epidemie angenommen.

Vom Missbrauch eines Rauschmittels sprechen Ärzte bei seinem «Gebrauch ohne medizinische Indikation». Würde diese Definition auch auf Alkohol angewendet, müssten gut eineinhalb Millionen Schweizerinnen und Schweizer über 15 Jahre ihr Trinkverhalten als missbräuchlich bezeichnen. Laut einer Erhebung der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Suchtprobleme (SFA) in Lausanne trinken 912000 Personen «episodisch zu viel», 161000 «chronisch zu viel», und rund 300000 weisen einen «episodischen Alkoholüberkonsum» auf. (...)

In den psychiatrischen Kliniken ist heute jeder dritte Patient alkoholkrank, und nicht von ungefähr beträgt der Anteil an Alkoholpatienten in den chirurgischen und internistischen Abteilungen unserer Spitäler rund zwanzig Prozent. «Bei den durch psychoaktive Substanzen verursachten Krankheiten», so Christian Hess, Chefarzt des Bezirksspitals Affoltern am Albis, «steht der Alkoholmissbrauch ganz klar an erster Stelle.» Auch Hausärzten ist die Problematik vertraut: Bei jedem dritten Patienten stellen sie heute die Zweitdiagnose Alkoholabusus.

Jedes Jahr sterben rund 5000 Personen an den Folgen des übermässigen Alkoholmissbrauchs und über 10000 an indirekt alkoholbedingten Krankheiten. Es ist heute medizinisch unbestritten, dass die Lebenserwartung von Alkoholabhängigen um durchschnittlich 23 Jahre verkürzt wird. Zu den häufigsten Todesursachen gehören Krebserkrankungen des Kehlkopfs, der Leber, Bauchspeicheldrüse und Speiseröhre, degenerierte Blutgefässe, Hirn- und Herzinfarkte sowie Tumore im Mund- und Rachenbereich. Dazu kommen Krankheitsbefunde wie Harn- und Stuhlinkontinenz, Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen, Nervenschädigungen, psychische Störungen, Gedächtnislücken, aggressive Schübe und Hormonschwankungen.

Verglichen mit den volkswirtschaftlichen Folgekosten, welche der Alkoholmissbrauch jedes Jahr verursacht, nehmen sich die fiskalischen Auswirkungen der Nikotinsucht geradezu mickrig aus. Allein die Kosten für Produktionsausfälle infolge Krankheiten, Unfällen und Todesfällen sowie für Behandlungskosten und die Behebung promillebedingter Kollateralschäden belaufen sich gemäss Berechnungen der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Suchtprobleme auf rund drei Milliarden Franken pro Jahr. Und auf über 100 Milliarden schätzen Sucht- und Versicherungsexperten die der Volkswirtschaft entstehenden jährlichen Folgekosten von alkoholbedingten Problemen in Familie und Gesellschaft. Dazu gehört unter anderem, dass jeder fünfte Strassenverkehrsunfall mit Todesfolge alkoholbedingt ist und jeder dritte Arbeits- oder Sportunfall ebenfalls. Gemäss Bundesamt für Statistik starben seit 1998 jedes Jahr rund 120 Menschen bei alkoholbedingten Verkehrsunfällen, und 1000 überlebten schwer verletzt, darunter jeder Zweite mit lebenslangen Behinderungen. Dazu addieren sich jedes Jahr über 500 Suizide, die unter Alkoholeinfluss verübt werden.

Unsinnige Verbote
Damit nicht genug: Rund 8000 Personen müssen jedes Jahr wegen Fahrens im angetrunkenen Zustand (FiaZ) den Führerausweis abgeben, und auch im Arbeits- und Geschäftsleben sind die Flaschen auf den Etagen weit verbreitet: Jeder fünften Kündigung liegt heute ein Alkoholproblem zugrunde. Hinzu kommt, dass von den Problemen der 300000 schwer abhängigen Alkoholiker fast eine Million Familienangehörige indirekt betroffen sind, darunter rund 100000 Kinder. Aber auch bei jedem zweiten Familiendrama, das den Tod eines Menschen zur Folge hat oder bei dem körperliche Gewalt angewendet wird, ist die Droge Alkohol mit im Spiel. Dasselbe gilt auch bei Ausschreitungen und Gewaltexzessen nach Sportveranstaltungen, Schlägereien, sexuellem Missbrauch, Inzest und Vergewaltigungen.

«Die legale Droge Alkohol ist in der Schweiz omnipräsent und gesellschaftlich vollständig akzeptiert», sagt Ruedi Löffel, Berner Grossrat und Leiter Suchtprävention des Blauen Kreuzes. «Im Gegensatz zu den illegalen Drogen, die in breiten Bevölkerungsschichten und bei der politischen Mehrheit geächtet sind, werden problematische Konsummuster beim Alkohol kaum thematisiert oder einfach bagatellisiert: Wer nicht mittrinkt, gilt als Spielverderber.» Auch für Janine Messerli von der SFA steht fest: «Das Problem Alkohol wird banalisiert. Dabei ist diese Droge nicht einfach irgendein Konsumgut, sondern eine psychoaktive Substanz, die unermessliches Leid und Kosten verursacht.»

Zur Bagatellisierung trägt bei, dass die Alkoholkonsumenten (zu denen der Verfasser, wie die meisten der schreibenden Zunft, ebenfalls gehört) in ihrem Selbstverständnis natürlich keine Droge konsumieren, sondern ein «Genussmittel». Ihr Konsumentenvokabular ist entsprechend verharmlosend: Man «zwitschert», «genehmigt» oder «hebt einen»; man «feuchtet sich die Leber an» oder «füllt die Lampe». Und auch für den Fall, dass man versehentlich eine Überdosis konsumiert hat, steht ein unverfängliches Argumentarium zur Verfügung: Man hat «einen über den Durst getrunken», «Öl am Hut» oder einfach «etwas zu tief ins Glas geschaut». Schliesslich wusste schon Martin Luther: «Dem einen nützt Nüchternheit, dem anderen eben ein guter Trunk.» Diente Letzterer dazu, die Ehefrau zu vergessen, staunte allerdings schon mancher, sie beim Nachhausekommen doppelt zu sehen.
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Der Spass im Glas weicht allerdings Betroffenheit, wenn man sich eingesteht, mit welcher Scheinheiligkeit übergangen wird, dass im Mittelpunkt des Drogenproblems weder Heroin, Kokain, Nikotin noch Cannabis stehen, sondern das mit Abstand verheerendste Suchtmittel: Alkohol. Angesichts der Folgen mutet es geradezu grotesk an, dass das Parlament den Konsum von Cannabis unter Strafe stellt und praktisch gleichzeitig das Absinth-Verbot aufhebt. Wenn es so etwas wie ein Recht auf Rausch gibt, darf dieser in unserer Gesellschaft offenbar nur mit Alkohol legal erzeugt werden – unabhängig davon, dass die flüssige Droge, gemessen an den Langzeitwirkungen und körperlichen Folgeschäden, das schädlichste unter allen bekannten Rauschmitteln ist.
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Der aktuellste internationale Alkoholkonsum-Vergleich des World Advertising Research Center zeigt, dass in der Schweiz im vergangenen Jahr über 300 Millionen Liter Wein, mehr als 400 Millionen Liter Bier und über 10 Millionen Liter Spirituosen getrunken wurden. Und den Spass im Glas lässt man sich gerne etwas kosten: Jedes Jahr werden für über acht Milliarden Franken alkoholische Getränke gekauft. Im Klartext: Jeden Tag werden rund 22 Millionen Franken im wahrsten Sinn des Wortes verflüssigt.

Der grosse Durst
(...) In der Weltrangliste des gesamten Alkoholverbrauchs pro Kopf der Bevölkerung, schafft es die Schweiz mit dem 9. Platz (9,1 Liter) immerhin noch unter die Top Ten und lässt Nationen wie Grossbritannien, die Niederlande, Polen und die USA hinter sich. Unangefochtener Spitzenreiter mit 11 Litern ist auch hier Irland, das mit diesem Rekord jene britische Redensart zu bekräftigen scheint, wonach der einzige Unterschied zwischen einer Hochzeit und einer Beerdigung in Irland darin bestehe, dass an Letzterer eine Person weniger besoffen sei.

Fachleute aus den Bereichen Drogenprävention, Politik und Werbung schliessen nicht aus, dass nach dem Tabak auch der Alkohol in die Schusslinie restriktiver Werbebeschränkungen oder sogar -verbote kommen könnte. Markus Dürr, Präsident der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren, könnte sich beispielsweise ein Alkoholwerbeverbot auf öffentlichem Grund und an öffentlichen Gebäuden vorstellen, und für den Berner Grossrat Ruedi Löffel «ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch auf eidgenössischer Ebene entsprechende Gesetzesänderungen in die Wege geleitet werden». Bereits im April 2003 hatte der Berner Grosse Rat Löffels Motion «Werbeeinschränkungen für Alkohol» überwiesen. «Ein generelles Werbeverbot», so Löffel, «würde der Bevölkerung ermöglichen, dem Alkohol gegenüber eine differenzierte Einstellung zu entwickeln. Zahlreiche Studien belegen, dass ein Werbeverbot den Alkoholkonsum beeinflussen würde.»
Mit Studien und Statistiken lässt sich bekanntlich alles belegen, auch das Gegenteil. «Es liegen genügend Studien vor», so der Zürcher Werbeagentur-Inhaber Walter Diem, «dass Werbe-, Verkaufs- oder Konsumverbote nichts nützen. Ein Werbeverbot für Alkohol wäre unsinnig und eine wirtschaftliche Todsünde. Die Mechanismen der freien Marktwirtschaft würden ausgeschaltet, was die Vernichtung von Marktbearbeitungsmassnahmen in Millionenhöhe zur Folge hätte.»
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Auch Konrad Studerus, Direktor des Schweizerischen Bierbrauervereines, sieht zwischen der Menge des Alkoholkonsums und dem Werbeaufwand keinen Zusammenhang. (...) Vehement tritt Studerus den amtlichen Statistiken entgegen: «Ein wirkliches Alkoholsuchtproblem dürften in der Schweiz etwa 40000 bis 70000 Menschen haben. Gewisse staatliche Institutionen setzen nur deshalb viel höhere Zahlen ein, weil sie an steigenden Subventionen und Steuern interessiert sind. Das ändert nichts daran, dass höhere Zahlen übertrieben und falsch sind.»

Tatsächlich sind die Einnahmen aus den Alkoholsteuern beachtlich. Allein zwischen 1995 und 1997 wurden 378 Millionen Franken eingenommen. Davon entfielen 113 Millionen auf die Biersteuer und 265 Millionen auf die Branntweinsteuer, welche die Eidgenössische Alkoholverwaltung erhebt. Vom Reingewinn der Alkoholverwaltung flossen 1999 149 Millionen in die AHV und 17 Millionen an die Kantone, die ihren Anteil laut Gesetz auch zur Bekämpfung des Alkoholismus verwenden müssen.
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