Beobachter 24. Juni 2005

Alcopops

Ein Prosit auf die Jugend

Die Alkoholindustrie will Jugendliche als fleissige Konsumenten bei der Stange halten. Doch die sind wählerisch geworden. Die Hersteller greifen deshalb zu immer absurderen Tricks.

Die gute Nachricht: Alcopops sind out. Wurden 2002 in der Schweiz fast 40 Millionen Flaschen der Mischgetränke aus Limonade und Spirituosen verkauft, waren es zwei Jahre später nur noch 16 Millionen.
Die schlechte Nachricht: Der Alkoholkonsum bei Jugendlichen ist laut Dieter Tosoni, Mitarbeiter der Zürcher Fachstelle zur Prävention des Alkohol- und Medikamentenmissbrauchs (ZüFAM), dennoch nicht zurückgegangen. Die Jugendlichen folgen ganz einfach einem neuen Trend: «Sie sind vor allem auf Biermixgetränke, aromatisierten Sekt und harte Spirituosen umgestiegen.»

Mit den alkoholhaltigen Süssgetränken hat auch Fatima nichts mehr am Hut: «Die neuen Alcopops schmecken zum Kotzen», meint die 16-Jährige aus Zürich unverblümt. Als sie zwölf war, nahmen sie ihre älteren Brüder mit auf die Piste. «Damals fing ich auch an zu trinken – mit Alcopops», erzählt sie. «Heute trinke ich mehr Cocktails, Wodka und ab und zu auch ein Cardinal Lemon.»
Die Alkoholindustrie reagiert schnell auf die Absage der Kids an die bunten Schnapslimonaden. Die Interlakner Brauerei Rugenbräu beispielsweise hat kurzerhand ihr Alcopop Black Hurricane aus dem Sortiment gekippt und durch Mountain Twister, ein Biermixgetränk mit Apfel- und Birnensaft, ersetzt. Um das Produkt an den jungen Mann respektive an die junge Frau zu bringen, organisiert die Brauerei so genannte Human-Table-Soccer-Turniere. Dabei handelt es sich um eine Fun-Sportart, die in einem überdimensionierten «Töggelikasten» gespielt wird. Anstelle der Minifussballer aus Plastik sind Menschen an die Stangen geschnallt – genau das Richtige für die Zielgruppe «sportliche Jugend».

«Jungs, Girls und andere Trendsetter»
Die Distillerie Willisau versucht derweil ihr Glück mit Wodka-Likören. «Wir haben uns gänzlich aus dem Alcopop-Geschäft zurückgezogen», erklärt Geschäftsführer René Gut. Seine Produkte richten sich an Jugendliche ab 18 Jahren. «Bei unseren Getränken weiss man gleich, dass Alkohol drin ist. Man riecht und schmeckt ihn.» Versüsst wird der Genuss der Volumenprozente dennoch – mit viel Zucker und verschiedenen Aromen, beispielsweise mit Karamelgeschmack.
Die Schaffhauser Brauerei Falken definiert ihre Zielgruppe um einiges offenherziger. Sie macht auf ihrer Website keinen Hehl daraus, dass ihr neues Biermixgetränk Twice «für Jungs, Girls und andere Trendsetter» bestimmt ist. Durch die Zugabe von koffeinhaltiger Limonade soll es zudem auch «Frauen und Nicht-Biertrinker» ansprechen.
Auf der Suche nach junger Käuferschaft treibt der Erfindergeist der Alkoholindustrie zuweilen seltsame Blüten. So lockt die österreichische Firma Wenger mit Alkohol aus der Tube: Das «ultimative Getränk for the new generation» sei für alle Pflicht, die «in» sein wollen, heisst es auf der Website. Noch absurder mutet das Erzeugnis der deutschen Firma Subyou an: Alcopops in Pulverform. «Diese Produkte haben alle etwas gemeinsam», sagt Präventionsfachmann Tosoni. «Sie stellen mit ihrem jungen Auftreten die Spasskultur in den Vordergrund und verharmlosen so das Gefahrenpotenzial des Alkohols.»
Das hat Folgen. 15 bis 20 Prozent der Jugendlichen zwischen 13 und 16 Jahren geben in einer Studie der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme an, im letzten Monat vor der Umfrage fünf oder mehr Gläser Alkohol getrunken zu haben. Ausserdem gibt es gemäss derselben Umfrage schweizweit 103000 so genannte Rauschtrinkende zwischen 15 und 24 Jahren. Sie betrinken sich regelmässig, und das mindestens zweimal pro Monat.

Kinder mit Alkoholvergiftung
Das bekommen auch die Notfallstationen und Spitäler zu spüren. «Pro Monat werden bei uns zwei bis drei Kinder und Jugendliche unter 16 mit einer Alkoholvergiftung eingeliefert», berichtet Jürg Hammer, Arzt im Kinderspital Basel. In anderen Kantonen sieht es nicht viel besser aus.
Gefördert wird der Alkoholkonsum auch durch den laschen Umgang mit Verkaufsvorschriften. Ein Test im Jahr 2002 ergab höchst Unerfreuliches: «55 Prozent von insgesamt 392 Restaurants und Verkaufsstellen im Kanton Zürich haben Alkohol an Jugendliche unter der Altersgrenze verkauft», sagt Cristina Crotti, Mitarbeiterin der ZüFAM. Die Präventionsstelle schickte damals für eine Probe aufs Exempel Jugendliche auf Kauftour. «Tendenziell ist diese Zahl zwar rückläufig, jedoch noch lange nicht befriedigend», fügt Crotti an.
Der Kampf geht weiter. Auch die Politik versucht immer wieder, der Alkoholindustrie das Geschäft mit den Jugendlichen zu erschweren, etwa mit dem Werbeverbot für alkoholische Getränke oder der Sondersteuer auf Alcopops. Die Bemühungen tragen aber oft keine Früchte. «Der Rückgang des Alcopop-Konsums ist nicht auf die Sondersteuer zurückzuführen. Er zeichnete sich schon vor der Massnahme deutlich ab», sagt Tosoni. «Genauso mit dem Werbeverbot. Das wird einfach umgangen, indem Brauereien beispielsweise für alkoholfreies Bier werben.»
Das Problem bleibt also weiterhin bestehen. «Die Bevölkerung will einfach nicht wahrhaben, dass Alkohol das Drogenproblem Nummer eins in der Schweiz ist. Und zwar nicht nur bei den Jugendlichen», sagt Ruedi Löffel, Projektleiter beim Blauen Kreuz Bern.
Dem stimmt der 17-jährige Marc aus Langnau ZH zu. Er selbst hat mit 13 angefangen, die süffigen Alcopops zu trinken. «Heute trinke ich nur noch Bier.» Das süsse Zeug schmeckt ihm nicht mehr. Marc findet es zwar gut, dass etwas gegen den Jugendalkoholismus unternommen wird. Die paar Bierchen mit seinen Kumpels will er sich aber nicht vermiesen lassen.

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