| Berner Zeitung Region Emme 23. Februar
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«Betrunkene Junge sind Realität»
Zwölf- bis dreizehnjährige Jugendliche,
die sturzbetrunken hinter Festzelten umhertorkeln, sind keine Einzelfälle.
Auch im Fraubrunnenamt nicht. Der Alkoholpräventions-Experte Ruedi
Löffel warnt aber vor Verallgemeinerungen. Interview: Johannes
Hofstetter

ZUR PERSON
RUEDI LÖFFEL
Der 45-jährige Ruedi Löffel aus Münchenbuchsee
ist seit 1993 Projektleiter auf der Fachstelle für
Suchtprävention des Blauen Kreuzes Bern.
Er sitzt für die EVP im Grossen Rat.
www.suchtpraevention.org
Herr Löffel, ist es «Wahnsinn, wie die Jungen
saufen» im unteren Fraubrunnenamt?
Ruedi Löffel: Es gibt Jugendliche, die wahnsinnig viel saufen. Nicht
nur im unteren Fraubrunnenamt. Wir müssen aber aufpassen, dass wir
nicht verallgemeinern: Die meisten jungen Leute gehen mit Alkohol vernünftig
um. Es ist eine Minderheit, die sich bis zum Umfallen volllaufen lässt.
Eine Frau, die das Trinkverhalten von Jugendlichen an Dorf- und Sportfesten
seit Jahren beobachtet, sagt, es werde mit den jungen Trinkern «immer
schlimmer».
Diese Woche wurden Resultate der jüngsten Schülerinnen- und
Schülerbefragung veröffentlicht. Daraus geht hervor, dass der
Alkoholmissbrauch von Jugendlichen in den letzten vier Jahren eher abgenommen
hat. Das bewusste Rauschtrinken von Teenagern ist aber ein grosses Problem
geblieben.
An Festen im unteren Fraubrunnenamt sehe sie regelmässig «Zwölf-
bis Dreizehnjährige sturzbesoffen hinter dem Festzelt herumtorkeln»,
sagt die Frau.
Solche Vorfälle sind Realität.
Sind das Einzelfälle?
Nein. In der Schweiz landen laut Statistik täglich drei bis vier
Minderjährige mit Alkoholvergiftungen auf Intensivstationen. Es gibt
nicht nur 16-Jährige, die sich so schnell wie möglich mit Alkohol
zuputzen wollen. Zunehmend betrinken sich noch Jüngere bis zur Bewusstlosigkeit.
Wieso tun sie das?
Weil wir als Gesellschaft grundsätzlich einen fahrlässig sorglosen
Umgang mit dem Alkohol pflegen. Es fängt damit an, dass dem Konfirmanden
zur Feier des Tages ganz selbstverständlich ein Glas Wein in die
Hand gedrückt wird. Spätestens von diesem Moment an weiss der
15-Jährige, dass zu einem Fest offenbar zwangsläufig Alkohol
gehört.
Aber deshalb muss er sich später nicht Woche für Woche volllaufen
lassen.
Nein; es gibt noch andere Faktoren. Mancher ist vielleicht gestresst oder
steckt sonst in einer schwierigen Situation und versucht, seine Sorgen
mit Alkohol zu vergessen. Manche haben mit der Pubertät Schwierigkeiten
und keine Bezugspersonen, mit denen sie über ihre Fragen, Sorgen
und Ängste reden können.
Pubertätsschwierigkeiten hatten die Kids schon vor 500 Jahren.
Aber so viele zerrüttete Familien, so viel Einsamkeit wie heute gab
es noch nie. Damals pflegten die Menschen ein anderes Zusammenleben als
heute.
Die Frau weist Gemeinden und Vereinen eine Mitschuld am Alkoholmissbrauch
der Jungen zu. An Dorffesten und in Sportklubs würden die Teenager
förmlich zum Trinken verführt.
Damit hat sie nicht ganz Unrecht. Eine Untersuchung zeigt, dass gerade
in Sportvereinen in dieser Hinsicht nicht alles so paletti ist, wie es
gerne behauptet wird. Dass Alkohol an Dorffesten eine wichtige Rolle spielt,
wird ebenfalls kaum jemand ernsthaft bestreiten. Aber auch da dürfen
wir nicht pauschalisieren. Es gibt eine ganze Reihe von Vereinen und Veranstaltern,
die mit Alkohol verantwortungsvoll umgehen. Genauso gibt es immer noch
viele Sportvereine, bei denen Bier dazugehört – ob Jugendliche
dabei sind oder nicht.
Wie passen Sport und Alkohol zusammen?
Wie die Faust aufs Auge. Hier zeigt sich die ganze Doppelbödigkeit
unserer Gesellschaft: Einerseits schicken wir die Jungen in den Sportverein,
damit sie Bewegung haben, Kontakte pflegen und «den Drogen»
fernbleiben. Gleichzeitig werden sie beim aktiven und passiven Sport ständig
mit der Werbebotschaft vollgestopft, die Droge Nummer eins, der Alkohol,
gehöre unverzichtbar zu ihrem Hobby. Einzelne Anlässe könnten
gar nicht stattfinden, wenn sie nicht von einer Getränkefirma gesponsert
würden. Diese Firma ist dann mit ihrer Werbung für Bier und
alkoholische Mixgetränke am Anlass omnipräsent. An vielen Dorf-
und Sportfesten geht es ums Geldverdienen. Und Alkohol ist eine sehr üppig
sprudelnde Einnahmequelle. Das weiss jeder Veranstalter. Es gibt Vereine,
die den Gewinn, den die Bar am Fest abwirft, in die Juniorenabteilung
fliessen lassen.
Ein Gemeinderatspräsident sagt, an «seinem» Dorffest
werde «nicht mehr und nicht weniger Alkohol getrunken als an jedem
anderen Dorffest auch».
Wenn er das sagt, um den schwarzen Peter abzuschieben, ist das schade,
denn der Alkoholmissbrauch ist ein Problem. Wenn er damit behauptet, das
Problem existiere gar nicht, ist er schlicht realitätsfremd.
Wie halten Festorganisatoren Jugendliche vom Alkohol fern?
Es wäre wünschenswert, wenn sie sich an die Jugendschutzvorschriften
halten würden. Seit dem 1.Januar ist nicht nur der Verkauf, sondern
auch die Weitergabe von Alkohol an Minderjährige verboten. Das gilt
auch für ältere Kollegen oder Brüder.
Und weiter?
Die Gemeinden und Vereine könnten das Angebot von alkoholfreien Drinks
ausbauen. Und den Alkoholkonsum über den Preis steuern. Je teurer
das Zeug ist, desto weniger wird es konsumiert. Junge reagieren auf den
Preis besonders stark. Wenn die Gemeinderäte und die Regierungsstatthalter
Festbewilligungen an klare Vorgaben bezüglich alkoholfreier Getränke
und Preise knüpfen würden, könnten sie zeigen, dass es
ihnen mit dem Kampf gegen den Alkoholmissbrauch ernst ist.
«Alkoholmissbrauch von Jugendlichen gibt es, aber nicht bei
uns», sagen Gemeinderäte und Vereinsverantwortliche.
Diese Reaktion ist verständlich. Es ist schwierig, einzugestehen,
dass wir ein gesellschaftliches Problem mit Alkohol haben. Denn sobald
wir dieses Problem eingestehen, müssen wir unser Verhalten hinterfragen
und vielleicht sogar ändern. Das macht niemand gerne, auch Gemeinderäte
und Vereinsvorstände nicht.
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