| Bieler Tagblatt 11. Juni 2008
Schwarze Schafe am Fussballfest
Auf der Bieler Fanmeile kommen Jugendliche
relativ leicht zu alkoholischen Getränken. Das haben Testkäufe
ergeben, die vorgestern durchgeführt wurden.
Die Euro 08 ist ein grosses Fest, und wie so oft, spielt der Alkohol dabei
eine wichtige Rolle. Das «Blaue Kreuz» hat sich darum zusammen
mit dem «Bieler Tagblatt» aufgemacht, um die Fanmeile in Biel
im Bereich Jugendschutz zu testen. In zwei Teams unterwegs, klapperten
die 15-Jährigen Testpersonen alle Stände der Fanmeile ab. Sie
waren von Ruedi Löffel, EVP-Grossrat und Projektleiter Suchtprävention
beim «Blauen Kreuz» angewiesen, bei der Altersangabe ehrlich
zu sein.
Konzept an der Euro 08
Nach rund einer Stunde das Fazit: 15 Testkäufe bei zehn Verkaufsstellen,
an vier Bars erhielten die Jugendlichen Bier, zum Teil mehrmals. «Durchzogen,
aber positiv» sei das Ergebnis. Durchzogen, weil manche Verkäufer
das eigentliche Problem nicht erkannt haben. «Häufig hätten
sie gerne Alkohol verkauft, aber es gebe da eben diese Kontrollen.»
Das zeigt auf, dass der wirtschaftliche Gedanke häufig vor dem Jugendschutz
steht. Zudem ist der Konkurrenzkampf unter den Ständen sehr gross.
Um dem übermässigen Alkoholkonsum von Jugendlichen entgegenzuwirken,
wurde für alle Stand- und Festwirtschaftsbetreiber für die Euro
ein Informationsblatt zusammengestellt, auf dem die grundlegenden Punkte
zum Jugendschutz aufgeführt sind. Löffel aber meint: «Es
ist schade, dass diese Bestimmungen nicht weiter gehen als die bestehenden
Vorschriften. Man hätte mehr daraus machen können, beispielsweise
das Angebot alkoholfreier Getränke erweitern.»
Alkohol wird verharmlost
Löffel sieht das Problem auch darin, dass der Alkoholmissbrauch noch
immer verharmlost wird. «Viele Eltern sagen, dass sie froh sind,
dass ihre Kinder wenigstens keine Drogen nehmen». Dabei ist der
Alkohol mengen- und schadensmässig die schlimmste Droge überhaupt.
«Wir wollen das den Menschen endlich ins Bewusstsein rufen und den
Ernst der Lage aufzeigen», erklärt Löffel.
Härter durchgreifen
Für das «Blaue Kreuz» gibt es zwei Ebenen auf denen man
sich engagiert. Einerseits die individuelle, bei der mit Workshops und
Vorträgen über problematisches Verhalten und Alternativen diskutiert
wird. Andererseits die strukturelle, die das Umsetzen und Verbessern von
Gesetzen und Bestimmungen vorsieht. «Wir sind jetzt lange auf der
individuellen Schiene gefahren, nun wollen wir auch auf struktureller
Ebene vorwärts kommen», so Löffel. Er spricht damit die
Konsequenzen für fehlbare Verkaufsstellen an. Bisher wurden diese
nur ermahnt oder mit kleinen Geldstrafen belegt. Damit soll jetzt Schluss
sein. «Wenn die Verkäufer nicht begreifen wollen, müssen
härtere Strafen ausgesprochen werden. Im Extremfall der Entzug der
Verkaufsbewilligung für Alkohol. Das tut dann richtig weh»,
erklärt Löffel. Alle fehlbaren Stände auf der Fanmeile
werden nächstens Besuch vom Regierungstatthalteramt erhalten. Das
Strafmass kann und will das «Blaue Kreuz» aber nicht selbst
festlegen. «Das ist Sache der Behörden», sagt Löffel
abschliessend. Adrian Jörg
Vorgaben Alkoholverkauf
• Hinweisschilder «Altersabgabebeschränkung»
müssen an jedem Alkoholverkaufsstand gut sichtbar angebracht werden
• Alkoholwerbung, die sich an unter 18-Jährige
richtet, ist verboten
• Das Verkaufspersonal muss in Alkoholprävention
geschult sein
Bieler Tagblatt 10. Juni 2008 Front
Jetzt werden Sünder bestraft
Ernüchternd: Jugendliche
können in Biel und im Seeland problemlos Alkohol kaufen. Dies haben
Testkäufe des Blauen Kreuzes bewiesen.
tul. 24 Mal standen im Mai jugendliche Testkäufer mit Alkoholika
an den Kassen von Läden der Region. 10 Mal wurden keine Ausweise
verlangt, die 15-Jährigen konnten problemlos Bier oder Spirituosen
kaufen. Dieses Resultat der Testkäufe des Blauen Kreuzes ist zwar
viel besser als diejenigen der ersten Testkäufe 1998. Es liege jedoch
immer noch viel zu hoch, fanden gestern Seeländer Grossrätinnen
und Grossräte.
Sünder angezeigt
Bisher seien die fehlbaren Geschäfte nur vom Blauen Kreuz angeschrieben
und auf die Verstösse aufmerksam gemacht worden, sagte EVP-Grossrat
Ruedi Löffel gestern gegenüber dem BT. Er ist beim Blauen Kreuz
für die Testkäufe verantwortlich. Dieses Mal aber seien die
Sünder den zuständigen Regierungsstatthaltern sowie der Polizei
gemeldet worden. Die Statthalter sind für administrative Massnahmen
wie Verkaufsverbote zuständig; die Polizei gibt die Fälle an
die Gerichte weiter, welche Bussen verhängen können. «Man
muss die Branche schützen vor den schwarzen Schafen, welche ihren
Ruf schädigen», sagt Löffel.
Jugendliche Alkoholiker
Wie wichtig der Jugendschutz ist, zeigen Zahlen über Alkoholismus
bei Jugendlichen. Bereits trinken rund 16 Prozent der Jugendlichen zwischen
11 und 16 Jahren regelmässig Alkohol. 2005 wurde in den Spitälern
durchschnittlich bei 1,4 Jugendlichen pro Tag eine Alkoholsucht diagnostiziert.
Dies ist allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Behandlungen in Hausarztpraxen
oder ambulanten Notfallaufnahmen sind nicht berücksichtigt.
Bereits bei den 14-Jährigen sind Alkoholiker keine Einzelfälle
mehr. Zwar betrifft die Diagnose öfter Jungen oder junge Männer.
Doch holen die Mädchen und jungen Frauen auf: Zwischen 2003 und 2005
stieg deren Zahl um 20 Prozent, wie die Schweizerische Fachstelle für
Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA) schreibt.
Verkauf einschränken
Im Grossen Rat steht noch in dieser Session eine Motion der Grünen
Corinne Schärer an, die von Christine Schnegg, EVP, Lyss, mitunterzeichnet
worden ist. Sie will das nächtliche Gewaltpotenzial verringern, indem
sie den Gemeinden die Möglichkeit gibt, den Alkoholverkauf ab 21
Uhr zu verbieten. Seit April diesen Jahres gibt es in den Bahnhof-Shops
ab 22 Uhr keinen Alkohol mehr. Der Regierungsrat will das Anliegen als
Postulat entgegennehmen.
Morgen lesen Sie im «Bieler Tagblatt», wie einfach Jugendliche
an der Bieler Fanmeile zu Alkohol kommen können.
20 Minuten 10. Juni 2008
Alk-Testkäufe: 10-mal geklappt
BIEL. Die Präventionsprofis vom Blauen
Kreuz haben im Mai im Raum Biel 24 Testkäufe durchführen lassen.
Die 15-jährigen Tester haben in fast der Hälfte der Fälle
– nämlich zehnmal – die bestellten alkoholischen Getränke
erhalten. Dieses Ergebnis sei enttäuschend, so die Projektleiter
Annik Scheidegger und Ruedi Löffel. Die Resultate würden zeigen,
dass man das Thema Alkoholprävention nach wie vor ernst nehmen müsse.
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