| Schweizer Bauer 25. Juni 2008
Alkohol wird leicht zum Problem
Alle drei Tage wird eine 15-Jährige wegen zu viel
Alkohol ins Krankenhaus eingeliefert. Was tun, wenns das eigene Kind ist?
Martina Regli
Es ist wieder Sommer, die Nächte sind wärmer und länger.
Das lockt viele Jugendliche abends wieder hinaus, um mit Freunden abzuhängen,
an Feste zu gehen und ausgelassen zu feiern. Doch was ist, wenn die Jungen
jedes Wochenende ausgelassen feiern? Wenn sie jedes Wochenende betrunken
nach Hause kommen? Das Betrinken zum Ziel des Ausgehens wird? Viele Eltern
verharmlosen Alkohol, aber Fakt ist: Alkohol ist für viele Jugendliche
ein Problem.
Kundschaft wird jünger
«Pro Tag trinken sich in der Schweiz fünf junge Menschen spitalreif»,
beginnt Ruedi Löffel, Projektleiter auf der Fachstelle für Suchtprävention
des Blauen Kreuzes Bern. Ein ernüchternder Gedanke, und damit nicht
genug: «Alle drei Tage landet ein 15-jähriges Mädchen
wegen übermässigem Alkoholkonsum im Spital». Tatsache
ist, dass die Kundschaft in Beratungsstellen für Menschen mit Alkoholproblemen
tendenziell jünger wird.
Aber warum trinken Jugendliche immer früher immer mehr Alkohol? Grund
seien zum einen die süssen Mischgetränke, die seit den 90er
Jahren in Mode sind, ist Ruedi Löffel überzeugt. «Diese
Drinks sind auf ein ganz bestimmtes Zielpublikum gerichtet: Jugendliche,
und vor allem auch Mädchen und junge Frauen.» Denn 15-Jährige
mögen eigentlich keinen Alkohol. Mit den süssen Mischgetränken
wird diese Hürde von den Herstellern umgangen. «Zudem spielt
die Werbung eine grosse Rolle», so Löffel. «Wenn zum
Beispiel Fussball von einer Biermarke gesponsert wird, sabotiert das die
Präventionsarbeit.»
Problem der Gesellschaft
«Alkoholmissbrauch ist ein gesellschaftliches Problem», betont
Ruedi Löffel, und werde viel zu oft verharmlost, schiebt er nach.
Wer kennt die Situationen nicht: an Anlässen, Feiertagen und Festen
wird mit Alkohol angestossen. Das gehört dazu – wer nicht mitmacht,
steht oft im Abseits. Alkohol vor allem in Form von Bier, gehört
zu Sportveranstaltungen wie Eishockey und Fussball. Aber unsere Gesellschaft
verharmlost dabei etwas, das für 300000 Schweizerinnen und Schweizer
zu einem Abhängigkeitsproblem geworden ist. «Viele sagen, Hauptsache
mein Kind nimmt keine Drogen», hält Löffel fest. «Aber
Alkohol ist eine Droge. Eine legale Droge, deren Missbrauch in unserer
Gesellschaft leider zu sehr akzeptiert ist.». (...)
Tessin und Deutschweiz
(...) «Interessanterweise gibt es im Tessin viel mehr Leute, die
täglich Alkohol trinken», stellt Ruedi Löffel fest. Auch
in der französischen Schweiz seien es mehr als in der Deutschschweiz.
«Dies könnte unter anderem auch an den kulturellen Hintergründen
liegen.» Interessant sei jedoch, dass eben im Tessin und in der
französischen Schweiz auch am meisten Leute leben, die überhaupt
nie Alkohol trinken. «Wo viel getrunken wird, herrscht offenbar
auch eine ausgeprägte Anti-Haltung gegenüber dem Alkoholkonsum»,
interpretiert Löffel.
Wer ist ein Trinker?
«Das weit verbreitete Bild eines Trinkers ist der ältere, ungepflegte
Mann, der nach Alkohol stinkt und häufig betrunken ist», beschreibt
Ruedi Löffel. «Nebst dem Alkoholiker, der vom Alkohol seelisch
und körperlich abhängig ist, gibt es aber noch andere sehr problematische
Trinkmuster. Das ist manchen Leuten gar nicht bewusst.».
Der Spiegeltrinker sei der, der immer einen gewissen Alkoholpegel brauche,
damit es ihm „gut“ gehe. Er sei zwar selten betrunken, aber
körperlich abhängig. Eine weitere Art sei der episodische Trinker,
bei dem es in Problemsituationen immer mal wieder zu Trinkexzessen kommt.
Auch das sei eine Form von Abhängigkeit. «Es gibt auch junge
Partybesucher, die sich fast jedes Wochenende besaufen und sich dadurch
grossen Risiken aussetzen.»
Probleme erkennen
Was können Eltern tun, wenn sie merken, dass ihre Kinder zu oft über
den Durst hinaus trinken? Die beiden Experten aus Bern und Uri sind sich
einig: Man muss unbedingt mit den Jugendlichen reden, ihnen klar machen,
dass es ein Problem gibt. «Es wäre falsch, sein Kind für
sein Verhalten zu beschuldigen», erklärt Ruedi Löffel.
«Schuldzuweisungen behindern die gemeinsame Suche nach Lösungen.»
Es sei deshalb in erster Linie wichtig, dass die Eltern ein gutes Vorbild
für ihre Kinder seien. Auch Christoph Schillig ist überzeugt:
«Zuerst das Problem erkennen, was nicht immer einfach ist. Was löst
den Alkoholkonsum aus? Unsicherheit (Mut antrinken)? Gruppenzwang? Dann
kann besprochen werden, wie dem Auslöser des Alkoholkonsums auf andere,
positive, Weise begegnet werden könnte. Wenn nötig, kann eine
Beratungsstelle als neutraler Vermittler weiterhelfen».
Oft merkt das Umfeld nicht, dass ein Jugendlicher Alkoholprobleme hat,
denn viele fangen an zu untertreiben und zu lügen. «Wer an
dem Punkt angelangt ist, wo er über seinen Alkoholkonsum anfängt
Lügen zu erzählen, hat ein Problem», führt Christoph
Schillig aus. Ruedi Löffel hält fest, dass es ein schleichender
Prozess ist, bis ein Jugendlicher abhängig wird. «Fakt
ist aber, dass je früher der Alkoholmissbrauch beginnt, desto grösser
ist das Risiko, abhängig zu werden.»
Suchtprävention
Die Kantone bieten heute schon einiges für die Suchtprävention.
Doch was nützt dies? Es gibt eine Abgabebeschränkung, das heisst,
es wird kein Alkohol an unter 16, beziehungsweise 18-Jährige abgegeben.
«Die Enhaltung dieser Vorschrift hat sich in den letzten zehn Jahren
stark verbessert», so Ruedi Löffel. «Allerdings missachten
immer noch rund 30 Prozent der Verkaufsstellen die Jugendschutzvorschriften.»
Weiter gibt es die Alters-Bändchen an den Festen und Veranstaltungen.
«Diese Präventionsmethode ist halbwegs tauglich, denn wer Alkohol
konsumieren will, findet einen Weg», erklärt Löffel. Nicht
selten werde Alkohol vor einem Fest gekauft und dann hinter einem Festzelt
deponiert. Während des Fests können die Jugendlichen dann immer
wieder hinausgehen und ihre Mineralwasser oder Energy-Getränke mit
Alkohol aufpeppen. Und das geschieht oft, ohne dass es jemand bemerkt.
Mit dem Preis für alkoholische Getränke könne man die Kundschaft
sehr stark steuern, ist Ruedi Löffel überzeugt. «Denn
je jünger die Jugendlichen sind, desto weniger können sie sich
leisten.» Die Experten sind überzeugt, dass heute in der Schweiz
schon sehr viel für Suchtprävention getan wird. «Die Zahl
der Trinker ist bereits jetzt leicht rückläufig», so Christoph
Schillig.
Nicht alle betroffen
«Man darf bei all diesem Medienrummel um die Alkoholprobleme von
Jugendlichen nicht vergessen, dass nicht alle Jugendlichen gleich Trinker
sind», betont Christoph Schillig. Auch Ruedi Löffel hält
fest, dass die Mehrzahl der Jugendlichen keine Probleme mit Alkohol hat.
Und das sollte auch anerkannt werden. «Wir dürfen nicht nur
immer das Negative sehen, denn es gibt auch sehr viele verantwortungsbewusste
Jugendliche.» Obwohl der Kontakt mit Alkohol in unserer Gesellschaft
unvermeidlich sei, finden viele einen genussvollen und unproblematischen
Weg im Umgang mit dieser legalen Droge, ist Löffel überzeugt.
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