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20 Minuten online 27.05.11
«Es braucht null Promille und höhere Preise»
von Jessica Pfister - Die Alkoholprävention in der Schweiz
sei zu lasch, meint Ruedi Löffel, Suchtexperte beim Blauen Kreuz.
Er bevorzugt Preiserhöhungen und ein Verbot für Unter-18-Jährige.
«Das problematische Trinken wird in der Gesellschaft
verharmlost», meint Suchtberater Ruedi Löffel.
Statt auf Plakaten und mit Werbespots versucht der Bund diese
Woche, die Bevölkerung an zahlreichen Anlässen direkt auf das
Thema Alkohol anzusprechen. Ein guter Ansatz?
Ruedi Löffel: Es ist ein Ansatz, den der Bund in der Alkoholprävention
noch nicht verfolgt hat. Und es macht sicher mehr Sinn, sich mit dem Zielpublikum
an einen Tisch zu setzen, als erneut Plakate zu drucken und TV-Spots auszustrahlen.
Dennoch bezweifle ich, dass die breite Bevölkerung auf den Dialog
einsteigt.
Weshalb?
Ich war als Gesprächsgast am Kick-off-Event vom vergangenen Freitag
auf dem Bundesplatz eingeladen. Diese Veranstaltung war kaum mehr als
ein Klassentreffen unter Suchtfachleuten. Dabei sollte eine solche Kampagne
aufrütteln und provozieren, nur so entsteht ein breiter Dialog. Ich
befürchte, dass am Ende der Aufwand und der Ertrag in einem schwierigen
Verhältnis stehen.
Wie würden Sie die Menschen aufrütteln?
Der Dialog reicht sicher nicht, um den problematischen Umgang mit Alkohol
zu vermindern.
Was fordern Sie?
Es braucht strukturelle Massnahmen wie Preiserhöhungen, Alkoholtestkäufe
zur Durchsetzung des Jugendschutzes, null Toleranz für Alkohol am
Steuer, zeitliche und örtliche Einschränkungen des Alkoholverkaufs
und weitgehende Werbeeinschränkungen. Möglich wäre auch
ein Alkoholverkaufsverbot für Jugendliche unter 18 Jahren. Interventionsbedarf
sehe ich zudem beim Event- und Sportsponsoring. Da werden neun von zehn
Eishockeyclubs der obersten Liga von Alkoholfirmen gesponsert und niemand
stört es. Wird aber ein Hockeynatispieler von einer besoffenen jungen
Frau angefahren, geht ein Aufschrei durch das Land - das ist heuchlerisch.
Bergen zusätzliche Verbote und Einschränkungen bei
Jugendlichen nicht die Gefahr, dass sie den Reiz sogar erhöhen?
Nein, denn die Einschränkungen richten sich primär an Handel
und Gastgewerbe. Wichtig ist aber auch, dass Alternativen in Form von
alkoholfreien Getränken aufgezeigt und preiswert angeboten werden.
Oder dass Sportclubs klar kommunizieren, dass es zu einer Wurst im Fussballstadion
nicht zwingend ein Bier braucht.
Der Anteil an Jugendlichen mit einem Alkoholproblem ist vergleichsweise
klein. Wie wollen Sie den Konsum und vor allem das Suchtproblem bei den
Erwachsenen angehen?
Mit der Preisstraffung, attraktiven alkoholfreien Getränken und Massnahmen
zur Einschränkung der Erhältlichkeit erreicht man die Erwachsenen
genauso wie die Jungen. Was ich zudem befürworte sind Ausnüchterungsstellen,
wie sie in Zürich eingeführt wurden. Wenn Trinker für ihren
Suff und die Folgen selber aufkommen müssen, schmerzt dies mehr,
als wenn die Allgemeinheit dafür zahlt. Alle aufgezählten Massnahmen
wären einfach umzusetzen und haben ein gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis.
Leider finden sich dafür kaum Mehrheiten.
Woran liegt das?
Beim Thema Alkohol hat die Schweiz extreme Beisshemmungen, deutlich mehr
als beim Tabak. Kein Wunder, denn wir leben in einer Alkoholkultur. Das
problematische Trinken wird von der Gesellschaft verharmlost.
Haben Sie ein Beispiel für diese Verharmlosung?
Gerade wenn es um den Alkoholmissbrauch von Jugendlichen geht, sagen viele
Eltern: Hauptsache, sie drögelen nicht. Dabei ist Alkohol, was die
Substanz und die Abhängigkeit angeht, klar als Droge einzustufen.
Ich finde es absolut rücksichtslos, wie man hierzulande die Tatsache,
dass mehrere hunderttausend Menschen ein Alkoholproblem haben, im gesellschaftlichen
Leben ausblendet. Ich habe diese Ignoranz selbst erlebt.
Inwiefern – haben Sie ein Alkoholproblem ?
Nein, ich mag weder Bier noch Wein besonders gerne. Deshalb fiel es mir
auch nicht schwer, mich für die Stelle beim Blauen Kreuz zur Abstinenz
zu verpflichten.
Beim Blauen Kreuz dürfen nur Abstinenzler arbeiten?
Früher ja. Inzwischen wurden diese Anstellungsbedingungen gelockert.
Es ist heute sogar möglich, dem Blauen Kreuz als Solidarmitglied
ohne Abstinenzverpflichtung beizutreten. Meine fast zehn Jahre Alkoholverzicht
bereue ich aber nicht – im Gegenteil. Ich habe erlebt, wie man als
Nicht-Trinker an Anlässen als Aussenseiter dasteht, nicht ernst genommen
oder gar als Stimmungskiller bezeichnet wird. Diese Erlebnisse haben mich
geprägt und mir eine kritische Haltung und Distanz zum Thema ermöglicht.
Deshalb verlange ich auch von meinen Mitarbeitenden ein Jahr Alkoholverzicht.
Ich empfehle überhaupt jedem, ein Jahr abstinent zu leben.
Sie trinken heute aber wieder?
Bei öffentlichen Anlässen verzichte ich aus Protest gegen diese
gesellschaftlichen Zwänge. Ich habe schon erlebt, dass an politischen
Veranstaltungen nur Alkohol offeriert wird. Da kann ich ziemlich ungemütlich
werden. Privat trinke ich ab und zu mal ein Panaché oder mit meiner
Frau einen Cognac zum Kaffee. Damit schade ich niemandem.
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Ruedi Löffel sitzt seit 2002 für die EVP im Grossen Rat des
Kantons Bern. Seit 18 Jahren ist er Projektleiter in der Fachstelle Suchtprävention
des Blauen Kreuzes. In Bern gilt er auch als Antirauchpapst. Er hat im
Grossen Rat eine Einschränkung von Tabak- und Alkoholwerbung durchgebracht
und 2006 wurde seine Motion angenommen, die im Kanton Bern das Rauchen
in Gastwirtschaften untersagt. Er wohnt in Münchenbuchsee, ist verheiratet
und hat vier Kinder.
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