Der Bund, Kanton Bern, 18.11.2004
Strassenbauprogramm korrigiert
Im Grossen Rat wurde gestritten, wo der Kanton sein Geld in Strassen
stecken soll.
Weniger Geld für Verkehrssicherheit und Lärmschutz, mehr Geld
für die Projektierung wirtschaftlich wichtiger Strassen: Mit dieser
Korrektur hat gestern der Grosse Rat das Strassenbauprogramm 2005-2008
verabschiedet. Fritz Lauber
Alle zwei Jahre legt die Regierung dem Grossen Rat ein aktualisiertes
Strassenbauprogramm vor. Von 2005 bis 2008 sollen für Unterhalt,
Projektierung und Neubau der Kantonsstrassen 193 Millionen Franken Kantonsgelder
eingesetzt werden. Aus Spargründen sind das 81 Millionen Franken
weniger als in den letzten vier Jahren. Einschliesslich der Bundesbeiträge
beläuft sich die Investitionssumme auf 315 Millionen Franken für
364 Projekte.
Mehr Wirtschaftsstrassen
Gestern setzte das Kantonsparlament allerdings neue Akzente in diesem
Programm: Hans Grunder (svp), Robert Sutter und Franziska Fritschy (beide
fdp) legten ein Korrekturprogramm vor: Einerseits soll in den nächsten
zwei Jahren die Projektierung wichtiger Wirtschaftsstrassen vorangetrieben
werden. Dafür sollen 3,5 Millionen Franken eingesetzt werden, Geld,
das bei geplanten Verkehrssicherheitsmassnahmen und Lärmschutzprojekten
abgezogen werden soll. Andererseits sollen 27 Millionen Franken in den
Jahren 2007-08 zusätzlich für diese Grossprojekte eingesetzt
werden, finanziert aus der Leistungsabhängigen Schwerverkehrsabgabe,
die ab 2005 verdoppelt wird und dem Kanton also mehr einbringt. Profitieren
sollen folgende für die Wirtschaft wichtigen Strecken:
· Bypass Thun-Nord mit neuem Aareübergang mit 5 Millionen;
· Ausbau Wankdorfplatz Bern mit 6,4 Millionen Franken;
· Verkehrssanierung Worb mit 8 Millionen Franken;
· Flankierende Massnahmen Umfahrung Biel A 5 mit 1,5 Millionen;
· Zufahrt Emmental mit 5,9 Millionen Franken;
· Wirtschaftsstrasse Oberaargau mit 3,8 Millionen Franken.
Wo bleibt die Strategie?
Robert Sutter und Hans Grunder ritten eine Attacke auf die Regierung:
Es sei «unerklärlich», sagte Sutter, dass die Kreditkürzungen
im Strassenbauprogramm vor allem bei «wirtschaftsrelevanten Projekten»
vorgenommen worden seien. (...).
«Raubzug auf die Schwächsten»
Das Korrekturprogramm stiess auf den Widerstand der Grünen und Linken.
Gelder aus Verkehrssicherheit und Lärmschutz für neue Strassen
umzulagern, sei «inakzeptabel», fand Sabine Gresch (gb, Bern)
namens ihrer Fraktion. Was Grunder und Sutter anvisierten, sei ein Bauprogramm
von weit über 400 Mio. Franken «auf Kosten der Schwächsten».
«Hier schlägt der Regionalegoismus voll durch», kritisierte
Andreas Hofmann na-mens der SP, «ein Raubzug auf die Schwächsten»
werde inszeniert. Auch für die EVP war diese Verschiebung
«grundfalsch», wie Ruedi Löffel (Münchenbuchsee)
sagte. Hans-Jörg Pfister (fdp, Zweisimmen) befürchtete,
für ländliche Regionen bleibe kein Geld mehr, wenn das Parlament
die Gewichte so verschiebe.
Egger: «Nicht konsumierbar»
Baudirektorin Barbara Egger rechnete den Antragstellern vor, dass mit
ihrem 435-Millionen-Programm ab 2008 zwei Drittel aller Strassengelder
während Jahren für die neuen Projekte blockiert wären.
Die meisten der aufgestockten Kredite wären zudem «gar nicht
konsumierbar», weil die Projekte noch nicht so weit vorangetrieben
seien. (...) Sie beschwor den Grossen Rat, keine Korrekturen vorzunehmen.
Doch der Grosse Rat stellte sich mit relativ knappen Mehrheiten hinter
sämtliche so genannten Planungserklärungen - nur der Ausbau
der Berner Wankdorf-Kreuzung soll nicht vorgezogen werden - und verabschiedete
so das Strassenbauprogramm 2004-2008. (...).
Berner Rundschau / MLZ; 18.11.2004, Front Zeitung und Kanton Bern
Strassen-Poker statt sparen
Grosser Rat: Mehr Geld für Strassen-Grossprojekte
Das Parlament revidiert seinen eigenen Sparauftrag: Der Grosse Rat hat
Planungserklärungen angenommen, die mehr Geld für Grossprojekte
bereitstellen. Nutzniesser sind direkt die Regionen Emmental und Oberaargau.
Mit der Zufahrt Emmental und der Wirtschaftsstrasse Oberaargau profitiert
je ein Projekt aus beiden Regionen. Das Geld wird für Vorarbeiten
verwendet. Damit ist noch kein Entscheid für die Realisation der
Strassen gefällt.
Die Umschichtung von Lärmschutz- und Verkehrssicherheitsprojekten
zu diesen Strassen sorgte bei Rot-grün und der EVP für Unmut.
Die bürgerliche Mehrheit setzte sich hier und auch bei der Aufstockung
des Strassenbauprogramms mit LSVA-Geldern aber durch. (cab) Seite 14
Sparen ja, aber nicht bei Strassen
Grosser Rat: Grossprojekte sollen mehr Geld erhalten, beschloss
das Parlament.
Erfolg für die Strassen-Lobby der Regionen: Der Grosse Rat spricht
mehr Geld für Grossprojekte. Spar-Argumente zogen gegenüber
der Wirtschaftsförderung den Kürzeren. Christoph Aebischer
Grossrat Robert Sutter (FDP/ Niederbipp) überreichte Regierungsrätin
Barbara Egger ein Sattelschlepper-Modell. «Solche Vehikel durchfahren
Aarwangen. Sie können minutenlang nicht überholen», kommentierte
er das Geschenk. Die mangelhafte Erschliessung mache den Standort Oberaargau
unattraktiver und die Sicherheitslage sei angesichts der engen Strassenverhältnisse
unbefriedigend. Der Präsident der Region Oberaargau warb für
die Wirtschaftsstrasse. Für das Projekt war im Strassenbauprogramm
nur wenig Geld vorgesehen, weil der Kanton Bern sparen muss.
Ganz so eng wie die Regierung wollte die bürgerliche Grossratsmehrheit
den Gürtel gestern nun nicht schnallen. Sie setzte sich erfolgreich
für geplante Grossprojekte ein. Diese hätten positive Auswirkung
auf die Wirtschaft, machte Hans Grunder (SVP/Hasle-Rüegsau) geltend.
Betroffen seien neben der Wirtschaftsstrasse auch die Zufahrt Emmental,
der Bypass Nord in Thun/Steffisburg oder die Verkehrssanierung Worb. Der
Kanton könne nicht mit einer Wachstumsstrategie aufwarten und dann
bei nächstbester Gelegenheit die entsprechenden Projekte nicht fördern,
doppelte Sutter nach. Man wolle bereit sein und beim Bund ein Zeichen
setzen, wenn er nächstes Jahr die Agglomerationsprogramme erhalte,
erläuterte er auf Anfrage weiter. Das jetzt gesprochene Geld sei
lediglich für Vorarbeiten gedacht.
Mehr Strassen statt Lärmschutz
Aus den Reihen der Bürgerlichen wurden finanzielle Umschichtungen
zugunsten dieser Grossprojekte verlangt. Die Verschiebungen sollten auf
Kosten von Projekten zur Verbesserung der allgemeinen Verkehrssicherheit
und Lärmschutz gehen. Weiter sollten auch LSVA-Gelder dafür
eingesetzt werden. Erwartungsgemäss stiessen die Bürgerlichen
bei der rot-grünen Minderheit damit auf taube Ohren. Diese lehnte
die entsprechenden Planungserklärungen ab.
Als besonders störend empfand auch die EVP die Absicht, die Umschichtungen
auf Kosten von Verkehrssicherheitsprojekten zu tätigen, wie Ruedi
Löffel (Münchenbuchsee) sagte.
Die Regierung habe von der Ratsmehrheit immer wieder Sparaufträge
erhalten, machte Barbara Egger klar. Das zwinge die Regierung dazu, Prioritäten
zu setzen. Dieselben Kreise, die hinter den Sparaufträgen stünden,
wollten ausgerechnet jetzt vom Sparen abweichen. Bis auf eine hiess der
Rat sämtliche Planungserklärungen knapp gut. Abgelehnt wurde
einzig die Planungserklärung zum Wankdorfplatz, die ebenfalls eine
finanzielle Umschichtung forderte.
Mit diesem Entscheid werden für die Jahre 2005 und 2006 2,5 Millionen
Franken von Projekten zur Lärmschutzsanierung und Verkehrssicherheit
zu diesen Strassenbauprojekten umgeschichtet. Für die beiden Folgejahre
wird das Programm mit 13,5 Millionen aus LSVA-Geldern aufgestockt.
Viele Projekte zurückgestellt
Zu Reden gab auch die von der Regierung ursprünglich geplante Streichung
der neuen Strassenverbindung von Renan nach Les Convers im Berner Jura
sowie der Autostrassen-Anschluss Studen. Die beiden Projekte erfüllten
die Kriterien für wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Nutzen
nicht genügend, sagte Egger. Das Parlament beschloss schliesslich,
die Projekte zurückzustellen, statt sie ganz zu streichen. Der Regierungsrat
hatte im Frühsommer Investitionskürzungen beschlossen. Davon
ist das Tiefbauamt im Vergleich zum aktuellen Finanzplan mit einem Minus
von 17 bis 25 Millionen Franken in den nächsten Jahren betroffen.
Von den im letzten Strassenbauprogramm aufgeführten Projekten konnten
65 abgeschlossen werden. 39 Geschäfte mussten vorwiegend aus finanziellen,
aber auch aus Effizienzgründen zurückgestellt oder gestrichen
werden.
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