Bund 18.8.05
Künstliche Wolken?
Finanzielle Grosswetterlage im Kanton Bern
Derzeit ist es beileibe nicht einfach, sich eine Meinung zu bilden über
den Zustand der bernischen Staatsfinanzen. Über zwei Milliarden Franken
aus dem Erlös der verkauften Goldreserven der Nationalbank, sieben
positive Rechnungsabschlüsse in Folge, und gleichzeitig arbeitet
die Regierung an einem weiteren Sparprogramm (Kasten). Hier ist Klarheit
gefragt. Deshalb hat der «Bund» Finanzdirektor Gasche und
ein paar weitere Fachleute, alles Mitglieder der grossrätlichen Steuerungskommission
(vormals Finanzkommission), gebeten, ihre Einschätzung zu veranschaulichen
– mittels Begriffen aus der Meteorologie.
Urs Gasche spricht von einem Hoch mit mittlerem Gewitterrisiko. Gewitterherde
ortet er über dem Bundeshaus (Steuergesetzgebung, Entlastungsprogramm),
weitere mögliche Zellen bei der Bernischen Lehrerversicherungskasse
und an der Zinsfront. Hans- Ulrich Käser (fdp) beurteilt die Wetterlage
als nicht so günstig. Zwar seien zeitweise Aufhellungen auszumachen,
doch Stürme seien möglich.
Von spürbaren Aufhellungen (Nationalbankgold, Aktienverkäufe)
spricht Ruedi Löffel (evp). Sorgen bereiten ihm die hohe Ozonbelastung
(«die ständigen Steuersenkungsforderungen») sowie bedrohliche
Gewitterwolken am Horizont (Kosten im Gesundheits- und Sozialbereich).
Das Gold der Nationalbank lässt Rudolf Guggisberg (svp) von einem
kommenden Hoch sprechen. Noch seien aber Wolken am Himmel. Die Schönwetterphase
sei erst da, wenn sich die Steuerbelastung für Familien, den Mittelstand
und ältere Leute dem schweizerischen Mittelwert annähere.
Für Blaise Kropf (Junge Alternative) steckt der Kanton dagegen
bereits in einer sommerlichen Hochdruckphase. Diese berge aber auch gewisse
Risiken, namentlich Trockenheit («kritische Dürre im Service
public»). Zudem werde das hiesige Wetter ausserhalb des Kantons
aufgrund zu pessimistischer Prognosen des Finanzdirektors noch allzu oft
als «typisch englisch»wahrgenommen. Kurz fällt der Wetterbericht
bei Matthias Burkhalter (sp) aus: «Heitere Lage mit sehr viel Sonne
und künstlich produzierten Wolken am Himmel.» Und was er auch
noch sieht: «Dazu gewisse Leute, die stets ihre Hagelabwehr-Raketen
in Position bringen.» Dölf Barben
Tief hängende Früchte pflücken
«Low hanging fruit»: Mit dem Bild der tief hängenden
Früchte hat Regierungsrat Urs Gasche Anfang Juni veranschaulicht,
wie er kurzfristig vorzugehen gedenkt. Damals präsentierte der bernische
Finanzdirektor den so genannten Aufgabendialog Kanton Bern. Dabei handelt
es sich eigentlich um das zehnte Sparpaket, das unter dem Namen Schwerpunktprogramm
3 angekündigt worden war. Im «Aufgabendialog» sollen
allerdings neue Wege beschritten werden. In einem «konstruktiven
Dialog mit Parteien, Verbänden und Interessengruppen» will
die Regierung bis im Jahr 2007 die Aufgaben des Kantons «überprüfen
und wo nötig anpassen», hiess es damals an der Medienorientierung
(«Bund» vom 8. Juni).
Derzeit stehen aber erst die tief hängenden Früchte im Vordergrund.
In zirka einem Monat sollen etwa ein halbes Hundert Interessenverbände
und Organisationen, «die in irgendeiner Form von staatlichen Leistungen
profitieren», angeschrieben werden. Über den Inhalt des Briefes
und die Adressaten werde zu gegebener Zeit noch informiert, sagte Gasche
gestern.
Grundsätzlich geht es darum, die Empfänger des Schreibens zu
fragen, ob sie die staatlichen Zuschüsse tatsächlich in vollem
Umfang benötigen. Es gebe für ihn Indizien dafür, dass
Organisationen existierten, die von sich selber den Eindruck hätten,
«zu viel staatliche Zuwendung zu bekommen». Er hoffe, dass
sich diese aufgrund des Briefes mit der grundsätzlichen Frage nach
der Leistung des Staates befassten und sich in der Folge – «weil
sie offiziell angefragt werden» – auch meldeten. Aber: «Ich
bin nicht so naiv zu glauben, dass wir den Staat damit sanieren können»,
sagte Gasche.
Den Begriff «low hanging fruit», der in der Managersprache
etwas Ähnliches bedeutet wie «quick wins» (rasche Gewinne),
hat Gasche von Regierungsratskollegin Dora Andres übernommen, wie
er sagte. Der Begriff gefalle ihm, gestand er. Nur: Wahrscheinlich dürften
im Kanton Bern nach so vielen Sparprogrammen nicht mehr allzu viele dieser
Früchte vorzufinden sein, räumte er ein. Denn: «Früchte,
die tief hängen, sind meist schon weg.» (db)
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