Berner Zeitung Oberaargau 3.5.08

Pilotprojekt: «Palliative Care» bald auch im Oberaargau?

«Palliative Care» im Oberaargau: Ein Projekt prüft die Kombination von ambulanter und stationärer Begleitung Schwerkranker.
Spätestens 2009 soll im Oberaargau eine Organisation «Palliative Care» gebildet werden. Bereits seit Mai 2007 ist eine Projektgruppe daran, das Pilotprojekt, eine Verbindung aus ambulanter und stationärer Begleitung schwer kranker Menschen, zu realisieren. Spitex, SRO, Alters- und Pflegeheime, Krebsliga, der Verein zur Begleitung Schwerkranker und Altersleitbildregionen arbeiten dabei eng zusammen.

Bedürfnis ist vorhanden
Gegen 150 Interessierte haben sich nun in der Alten Mühle Langenthal über das Projekt orientieren lassen. Richard Züsli, der als Projekt- und Organisationsberater die Gruppe begleitet, und Mitglieder der Projektgruppe orientierten über den Stand des Projektes. Sigrun Kuhn von der Spitex Langenthal und Umgebung und Christine Lerch vom Oberaargauer Verein zur Begleitung Schwerkranker informierten über die durchgeführte Umfrage bei betroffenen Institutionen und Organisationen. Diese habe eindeutig ein Bedürfnis nach Palliative Care im Oberaargau ergeben.
Nötig sei jetzt eine Organisation, ein umfassendes Angebot, genügend Personalressourcen und statistische Angaben, wie oft Sterbebegleitung im Sinne von Palliative Care im Oberaargau erwünscht sei. Die Statistik ist notwendig, um beim Kanton die Finanzierung zu sichern.

Sorge ums Geld belastet
Das Oberaargauer Projekt stellt den schwer kranken Menschen, seine Wünsche, seine Möglichkeiten und sein Umfeld in den Mittelpunkt. Ein Mensch soll dort sterben können, wo er möchte – unbelastet von der Sorge, ob denn die Krankenkasse die Betreuung im Spital auch dann bezahlt, wenn er oder sie nicht nach 30 Tagen gestorben ist. Oder ob die Kasse auch für die Betreuung in den eigenen vier Wänden aufkommt.
«Der Mensch sollte von den Kassen am Ende des Lebens gleich behandelt werden wie am Anfang», fasste Züsli die Auffassung der Initianten zusammen. Eduard Nacht

Was ist «Palliative Care»?

«Palliative Care» wird gelegentlich und unzureichend mit «Sterbebegleitung» übersetzt und manchmal mit «Sterbehilfe» verwechselt.
Der Begriff «Palliative Care» ist ein Kunstwort, gebildet aus dem lateinischen Wort «pallium» für Mantel. «Palliative» bedeutet in diesem Sinne «umhüllend, umfassend und lindernd».
Der englische Begriff «Care» steht unter anderen für pflegen, sorgen, sich kümmern. Weil die deutsche Sprache keinen derart umfassenden Begriff kennt, spricht man hier auch von palliativer Medizin, Pflege und Begleitung.
Betreut werden nicht nur die Schwerkranken und Sterbenden, sondern auch deren Angehörige.

 

Bund 12.1.08

«. . . damit das Sterben schneller ging»

In einem Gespräch über Sterbehilfe gab der Berner Gesundheitsdirektor Philippe Perrenoud an, als Arzt auch Sterbehelfer gewesen zu sein.
Nach dem jüngsten Medienwirbel um den umstrittenen Dignitas-Sterbetourismus war das ein unaufgeregter, sachlicher und ehrlicher Gedankenaustausch zum Thema Sterbehilfe – im Rahmen eines Café philosophique in der Äusseren Enge. WALTER DÄPP
In seiner Zeit als praktizierender Arzt sei Sterbehilfe «ein alltägliches Thema zwischen Patient und Arzt» gewesen, sagte der bernische Gesundheits- und Fürsorgedirektor Philippe Perrenoud (sp): Wenn es für einen von Schmerzen geplagten Patienten am Ende seines Lebens unerträglich geworden sei, habe auch er jeweils «geholfen, dass es ein bisschen schneller ging». Das sei «etwas Emotionales, Natürliches» gewesen. Als Arzt habe er damals nie befürchten müssen, «deswegen von jemandem belangt zu werden».
Früher hätten die Patienten Krankheit und Leiden noch eher als Schicksal angenommen, der Arzt sei dabei «so etwas wie ein Vermittler zwischen Gott und den Menschen» gewesen. Heute sei das anders: Das Gesundheitswesen habe «viel an Menschlichkeit verloren», sagte Perrenoud pointiert. Ärzte würden nicht mehr in erster Linie als Vertrauenspersonen oder Vaterfiguren betrachtet, sondern «als Leistungserbringer, die Kundenwünsche zu befriedigen haben». (...)

Palliative-Care stärken
Einig war man sich, dass der Palliativmedizin und -pflege (Palliative-Care) eine zentrale Rolle zukommt. Perrenoud ist es deshalb ein Anliegen, die «vielen guten Kräfte und Initiativen» im Kanton Bern zu koordinieren und ein Konzept für Palliative-Care zu erarbeiten. Auch Blum befürwortet Palliative-Care, denn: Viele verzichteten auf einen selbstbestimmten Suizid, wenn sie sich so aufgehoben fühlten, «dass sie das Leben noch aushalten können». Letztlich habe man aber «schlicht und einfach zu akzeptieren, was der einzelne Mensch für sich entscheidet». Diese Verantwortung sei «nicht delegierbar – weder an einen Arzt noch an den lieben Gott.»

 

Unter-Emmentaler 10.6.06

Bessere Koordination in Palliativmedizin

GROSSER RAT Die Palliativmedizin zugunsten todkranker Menschen soll im Kanton Bern zwischen den Institutionen des Gesundheitswesens besser koordiniert und in die Rahmenleistungsverträge mit dem Kanton aufgenommen werden.
Der Grosse Rat hat der Regierung am Donnerstag einen entsprechenden Prüfungsauftrag erteilt. Er befürwortete ein Postulat von Ruedi Löffel (EVP/Münchenbuchsee) mit 81 gegen 62 Stimmen. Die Regierung stand dem Anliegen positiv gegenüber, war aber nur zur Annahme eines Postulats bereit. Es müssten vertiefte Abklärungen vorgenommen werden. sda

 

Bund 9.6.06, Kanton Bern

Konzepte zur Palliativmedizin

GROSSER RAT Der Regierungsrat muss prüfen, ob er von Leistungserbringern, die unheilbar kranke Menschen pflegen, ein Palliativmedizin-Konzept verlangen will. EVP-Grossrat Ruedi Löffel (Münchenbuchsee) hatte in einer Motion verlangt, dieser Teil der medizinischen Versorgung solle in den Verträgen mit den Leistungserbringern verankert werden. Viele Menschen hätten Angst vor dem Tod, vor dem Leiden und den Schmerzen. Das Wissen, dass palliativmedizinische Angebote bestünden, gebe Raum, sich mit dem Sterben zu beschäftigen, sagte Löffel. Für viele Spitäler sei Palliativmedizin heute eine Selbstverständlichkeit. Jene, die kein solches Angebot hätten, sollten sich nun aber damit befassen müssen. Bei der Beratung des Spitalversorgungsgesetzes habe der Rat befunden, es sei nicht stufengerecht, die Palliativpflege ins Gesetz zu schreiben. Auf der Stufe der Leistungsverträge sei sie aber am richtigen Ort verankert. Weil die Regierung den Vorstoss nur in unverbindlicher Form entgegennehmen wollte, wandelte Löffel seinen Vorstoss gestern in ein Postulat um.

«Er rennt offene Türen ein»
Palliativmedizin sei ein sehr wertvolles Angebot, sagte die freisinnige Fraktionssprecherin Franziska Fritschy (Rüfenacht) – und ein integraler Bestandteil der medizinischen Versorgung. Sie werde überall angewendet, Konzepte seien vorhanden. Löffels Forderung sei unnötig. «Mit seinem Vorstoss rennt er offene Türen ein.» Ausserdem seien von einer Regelung mit Leistungsverträgen nur die Akutspitäler betroffen. Nicht aber jene Institutionen mit ambulanten palliativmedizinischen Angeboten (Spitex) oder die Heime. «Für mich ist unverständlich, dass die Regierung diesen Vorstoss als Postulat annehmen will», sagte Fritschy. «Er ist teilweise unnötig, teilweise falsch.» Diese Meinung teilte SVP-Fraktionssprecher Daniel Pauli (Schliern): «Es ist komplett falsch, wenn der Grosse Rat Behandlungskonzepte einfordert.»

Ratslinke setzte sich durch
Dem hielt SP-Parteipräsidentin Irène Marti (Bern) entgegen, der Vorstoss ziele «inhaltlich genau in die richtige Richtung». Die Öffentlichkeit solle sehen, dass Palliativpflege zur Gesundheitsversorgung gehöre. Und Dorothea Loosli (Detligen) verlangte als Sprecherin der Grünen, der Kantons solle ein Gesamtkonzept zur Palliativpflege vorlegen. Unterstützt von der EVP setzte sich die Ratslinke mit 81 gegen 62 Stimmen durch und überwies das Postulat. (sur)

 

zurück