Berner Rundschau / Langenthaler Tagblatt 01.12.10
Eberhart spart eine Million Franken
Der Grosse Rat kürzt das Budget 2011 um rund 12 Prozent.
Die Gewerbler-Fraktion streicht aus Ärger über Bussen der Lebensmittelkontrolle
über eine Million Franken. Entlassungen dürften die Folge sein.
Bruno Utz
«Jetzt ist Feierabend, ich gehe nach Hause.» Das
habe ein Lebensmittelkontrolleur wortwörtlich gesagt, nachdem er
an einem Volksmarkt im Berner Oberland fünf Stände kontrolliert
und alle fünf gebüsst habe. Der Mann habe wohl eingesehen, dass
es unverhältnismässig gewesen wäre, auch noch die restlichen
15 Stände zu kontrollieren und die Betreiber zu büssen. BDP-Grossrat
Peter Eberhart, er besitzt in Erlenbach i/S eine Drogerie, erzählte
noch weitere Müsterchen, mit dem Ziel, das Budget des kantonalen
Laboratoriums um 1,076 auf exakt 8 Millionen Franken zu kürzen. (...)
Gemäss der Gesundheitsdirektion seien letztes Jahr bei 10 000 Inspektionen
6500 Beanstandungen erfolgt. Bussen seien im Umfang von 940 000 Franken
ausgesprochen worden. «Entweder ist die Lebensmittelversorgung im
Kanton Bern in einem katastrophalen Zustand oder die Lebensmittelkontrolleure
beanstanden hauptsächlich Bagatellen», folgerte Eberhart.
Parteikollege Enea Martinelli, er ist Apotheker am Spital Interlaken,
kündigte Unterstützung der BDP-Fraktion an. Er habe nichts gegen
die Lebensmittelkontrolle, nötig sei aber Augenmass. Weil der Hersteller
des Aufbaumittels Oranol beim Verkaufskanal Lebensmittel nicht zusätzlich
die Etikette «mindestens haltbar bis …» anbringe, seien
zahlreiche Apotheken kontrolliert und gebüsst worden.
«Dabei wird niemand getäuscht noch sind Leben gefährdet.»
Für die SVP sprach sich Jürg Schürch (Huttwil) für
die Budgetkürzung aus: «Kontrolle ja, aber nicht pingelig.»
Der FDP gehe es nicht darum, der Lebensmittelkontrolle eins auszuwischen.
«Aber hier sagt einmal jemand konkret, wo zu sparen ist»,
sagte Ruedi Sutter (Grosshöchstetten). Zudem sei die Kürzung
ein «Zeichen gegen die Bürokratie». Ins Boot der Sparer
stieg auch die glp/CVP-Fraktion ein: «Die Argumente haben uns überzeugt.
Eberharts Antrag ist verhältnismässig», sagte Thomas Brönnimann
(glp/Mittelhäusern).
Flächendeckende Kontrollen nötig
«Die geschilderten Bagatellfälle sind bedauerlich. Wer nicht
flächendeckend kontrolliert, der findet die schweren Fälle nicht»,
brach SP-Sprecher Patric Bhend (SP/Thun) eine Lanze für die Lebensmittelkontrolle.
Auch die EVP sprach sich gegen die Budgetkürzung
aus. Ruedi Löffel (Münchenbuchsee): «Das tönt nach
einer Retourkutsche gegen die Lebensmittelkontrolle.» Die EVP orte
das Problem eher bei «pingeligen nationalen Vorschriften».
Finanzdirektorin Beatrice Simon (BDP) erklärte, bei einer
Annahme des Kürzungsantrages müssten wohl acht Mitarbeitende
entlassen werden. Der Kanton Bern sei jedoch im nationalen Vergleich bereits
knapp dotiert: «Wir haben 1,6 Vollzeitstellen pro 1000 Betriebe.
In Nachbarkantonen wie Aargau, Luzern oder Neuenburg liege die Dichte
bei 3,2 Stellen. Ein weiterer Abbau bei der Lebensmittelkontrolle würde
zudem die Exportfähigkeit von Fleisch und Käse gefährden,
verwies Simon auf entsprechende EU-Vorschriften. Vergeblich: Mit 84 zu
53 Stimmen bei 3 Enthaltungen sprach sich der Grosse Rat für die
Kürzung aus.
Klare Mehrheit fürs Budget 2011
Danach hiess der Rat das bei einem Gesamtertrag von 10 Milliarden Franken
mit einem Gewinn von 77 Millionen Franken abschliessende Budget 2011 mit
116 zu 16 Stimmen bei einer Enthaltung gut.
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