Der Bund, 14.2.2003 / Ressort Kanton

«Erzreligiöses Toggeli» stiess vor / Kunstdebatte im Grossen Rat

Da ging er einmal ins Theater, der EDU-Grossrat Martin Friedli aus Sumiswald, und schon sah er sich genötigt, wegen des Stückes im Kantonsparlament vorzustossen. Flugs verfasste der 45-jährige Bauingenieur eine Motion. Und der Friedfertigen einer fuhr grosses Geschütz auf. Dem Theater für den Kanton Bern sei die staatliche Unterstützung von 100 000 Franken
jährlich zu streichen. Und sollte der Kanton doch bei seinem Engagement bleiben wollen, müssten die Aufführungen vor den Tourneen «einer inhaltlichen Prüfung in Bezug auf gesellschaftlich anstössige sowie ethisch bedenkliche Szenen» unterzogen werden.

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Echtes Theater könne nicht einfach nur unterhalten, merkte Mariann Keller (gfl, Zollikofen) an. Es müsse auch mal schockieren. Die EVP wiederum fand es schade, dass es im Kunstschaffen zum guten Ton gehöre, «die Grenzen des Erträglichen zu überschreiten», erklärte Ruedi Löffel (Münchenbuchsee). Dennoch anerkenne seine Partei die Kunstfreiheit. Es könne und es dürfe nicht Aufgabe des Staates sein, Kultur zu zensurieren.

 

BZ, 14.2.2003 / Kanton Bern

Keine Zensur auf der Bühne

Weil das Theater für den Kanton Bern provokative Äusserungen zur Sexualität machte, wollte die EDU die Kantonsgelder streichen. Doch der Grosse Rat will nichts von Kultur-Zensur wissen.

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Friedli erntete mit seinem Zensurvorschlag quer durch alle Parteien Ablehnung. Seinen Antrag auf Streichung der Kantonsgelder zog er noch vor der Abstimmung zurück, und die Forderung nach einer Zensur lehnte das Parlament mit 125 gegen 16 Stimmen ab. Selbst bei der SVP stiess Friedli auf taube Ohren. «Bei allem Verständnis für Moralapostel. Hier habe ich Mühe», sagte SVP-Sprecher Hans Aeschbacher. Auch die EVP hatte kein Gehör: «Es ist nicht am Staat, die Kultur zu zensurieren», sagte Ruedi Löffel.

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Erziehungsdirektor Mario Annoni verwies in seiner Antwort auf die in der Kantonsverfassung verankerte Kunstfreiheit: «Irgendeine Zensur im Zusammenhang mit der Zusicherung von Beiträgen hat es noch nie gegeben und darf es in einem freiheitlichen Staat auch nie geben.»

 

DRS Regionaljournal BE FR VS 13.2.2003, 12.03 Uhr (3'07'')

Grosser Rat Bern: Wie stark soll Kanton in Kulturfragen eingreifen?

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Geraldine Eicher (O-Ton): „ O di Evangelischi Volkspartei het sech klar gäge ne Zensur usgsproche. O wenn’s dr Ruedi Löffel stört, dass teil Theaterstück d’Gränze sogar für settig überschriti, wo nid zu de sensibelschte Gmüeter ghöri.“

Ruedi Löffel (O-Ton): „Äs git sogenannti Kunscht, wo ne Erträglechkeitsprüefig chum würd beschtah. Religiösi und angeri Gfüel z’verletzte, schiint für einzelni Kunschtschaffendi dr einzig Wäg z’sy, irgendwo i d’Schlagzile z’cho. Trotzdäm anerchennt d’EVP di verfassigsmässig gwährleischteti Kunschtfreiheit.

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